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Name & Geschichte

Historische Einordnung

Das späte 9. Jahrhundert bringt für die Entwicklung der Stadt Mainz einen Rückschlag als Folge der damaligen Einfälle der Normannen, die alle Städte plündernd den Rhein aufwärts fahren und erst im Mittelrheingebiet aufgehalten werden können. Dabei werden in Mainz große Zerstörungen angerichtet und viele Klöster und Kirchen niedergebrannt. Der Mainzer Erzbischof Sunderold (889-891), der als Lehnsmann des Kaisers verpflichtet ist, an den Abwehrkämpfen teilzunehmen, fällt in einer unglücklichen Schlacht gegen die Normannen an der Maas.

Mainz Aurea Moguntia

Im 10. Jahrhundert erholt sich Mainz rasch und es beginnt eine Epoche, die wir als die eigentliche „goldene“ Zeit von Mainz bezeichnen. Sie dauert von der ottonischen Zeit (10. und 11. Jahrhundert) über die salinische (12. Jahrhundert) bis in die staufische Zeit (Ende des 12. Jahrhunderts bis um 1250).

Moguntia oder Maguncia, wie man allgemein urkundlich schreibt, erhält in diesen Jahrhunderten einen dreifachen Ehrentitel, der es bewusst mit dem päpstlichen Rom gleichsetzt. Der „Stuhl“ (sedes) des Mainzer Erzbischofs führt die Bezeichnung „heilig“, die sonst nur dem römischen Stuhl zusteht. Auf dem großen Stadtsiegel, das um das Jahr 1140 erstmalig nachweisbar ist und das neben dem Kölner Stadtsiegel das älteste deutsche Stadtsiegel überhaupt ist, sieht man in der Mitte thronend den heiligen Martinus als Schutzpatron des Erzbistums und der Stadt. Die Umschrift lautet: „Aurea Maguntia: romane cicle: specialis filia. (Goldenes Mainz, besonders geliebte Tochter der römischen Kirche.)

Das große Stadtsiegel Aurea Maguncia von 1140

Das Beiwort „golden“ führt Mainz seit der Kaiserzeit, wobei weniger an reale als an symbolische Werte gedacht wird. Das Vorbild gaben zwei goldene Städte. „Die Stadt ist aus reinem Gold, wie aus reinem Glas“, so beschreibt die Apokalypse des Johannes (21,18) das himmlische Jerusalem und stützt sich dabei auf eine Beschreibung Jerusalems, wie es wieder aufgebaut werden wird, in dem alttestamentlichen Buch Tobit (13,21f.). Die zweite goldene Stadt war Rom. Als solche war sie seit Otto III., also etwa ab der ersten Jahrtausendwende, auf der Rückseite der kaiserlichen Siegel dargestellt.
Das himmlische Jerusalem und das irdische Rom waren jeweils nicht nur eine goldene, sondern auch eine ewige Stadt. Dauer der politischen Ordnung und Einrichtungen zu gewährleisten, war eines der großen Probleme des Mittelalters. Dass eine Herrschaftsordnung nicht mit dem Tod des Herrschers endet, dieser Gedanke wurde erst langsam entwickelt. Der Bestand einer ewigen Stadt wurde durch den Schutz eines Heiligen garantiert, denn Heilige hatten im Jenseits das ewige Leben erlangt und schützten von dort den Besitz auf Erden. Der heilige Martin übernahm in Mainz als Patron auf immer und ewig den Schutz der Gemeinschaft.

Besonders bezeichnend für den äußeren Glanz des Erzbistums Mainz ist das dem Erzbischof Sigfrid (1200-1230) verliehene Recht, sich als päpstlicher Legat zu kleiden wie der Papst selbst und auf einem weißen Pferd zu reiten. Papst Innozent III. schreibt an den gleichen Erzbischof: „Es gibt keinen Bischof, der nach dem römischen Bischof einen so hohen Rang in der Kirche und im Reich einnimmt, wie Du ihn innehast.“
König Rudolf I. sagt in einer Urkunde von 1274:“Die ehrwürdige Mainzer Kirche ist eine besondere Säule des Reiches, von alters her durch Rechte hervorragend und mit Ehren und Freiheiten hochbegabt.“ Man nennt die Stadt gern „metropolis Germaniae“ und im Vergleich zu den übrigen Kirchen am Rhein die Mainzer Kirche „venerabillissima“ (die ehrwürdige) oder „honore prima“ (die an ehren erst).

Poetische Bezeichnungen in jener Zeit sind ähnlich im Lob der Stadt. Der Lütticher Kleriker Goswin, der ein Schüler des Mainzer Erzbischofs Bardo (1031-1051) ist und das als Leiter der Domschule von Erzbischof Luitpold (1051-1059) von Fulda nach Mainz berufen wird, beansprucht das Recht, von der „regina Maguncia“, der „Königin Mainz“ sprechen zu dürfen, so wie Horaz und Vergil Rom als „Imperatrix Roma“ (Kaiserin Rom) preisen. Er erläutert dazu, dass er dabei sowohl an die geistliche wie an die weltliche Stellung des Mainzer Erzbischofs denke, der seit Willigis (975-1011) nach einem ungeschriebenen Gesetz – das bis in die napoleonische Zeit gilt – immer das Amt eines deutschen Erz- und Reichskanzlers einnimmt.
Obwohl Willigis selber auf besondere päpstliche Titel und Auszeichnungen wenig wert zu legen schien, sicherte er mit dem Aufgreifen dieses nicht unbedingt erforderlichen Attributs vom „Heiligen Stuhle Mainz“ den reichs- und kirchenpolitischen Vorrang seiner Mainzer Kirche ab. Er ließ den Anspruch dieser „sedes“ als „secunda Roma“ in seinem dem Maßstab der Peterskirche nachgebauten Dom unübersehbaren Ausdruck verleihen und eröffnete selbst die stattliche Reihe jener Männer, die als Erzkankler des Reiches einen besonderen Rang einnahmen. Das bedeutet von Willigis ab eine stolze Reihe von 60 Erzbischöfen und Reichskanzlern.
Dazu kommt das für die deutsche Königswahl mit entscheidende Amt des „Kurfürsten“. Der Mainzer Erzbischof Adalbert I. (1111-1137) bahnt diese Entwicklung an, da auf seinen Vorschlag seit 1125 nicht mehr sämtliche deutschen Fürsten an der Königswahl teilnehmen, sondern nur noch die 10 aus Franken, Sachsen, Schwaben und Bayern. Seit 1257 gibt es dann bis in die napoleonische Zeit nur noch die bekannten sieben Kurfürsten. Es sind die jeweiligen Erzbischöfe von Mainz, Trier und Köln, der König von Böhmen, der Herzog von Sachsen, der Markgraf von Brandenburg und der Pfalzgraf bei Rhein.
Der Lombarde Anselm von Beate, der in seiner „Rhetorimachia“ (Kunst der Erlernung der Rhetorik) behauptet, dass er um 1040 in Mainz weilte, um eine philosophische Disputation zu halten, gebraucht für die Stadt die Bezeichnung „Diadema regni“ (Krone des Reiches und „Aureum caput regni“ (goldenes Haupt des Reiches). Um 1150 sieht es Otto von Freising in seinem Geschichtswerk über das Leben Kaiser Friedrich I. Barbarossa als Selbstverständlichkeit an, dass das Schwergewicht des Reiches im Rheinland zwischen Basel und Mainz liegt, „ubi maxima vis regni esse noscitur“. (wo bekanntlich die größte Macht oder Kraft des Reiches liegt.)
Quellen:
• Heinz Leitermann: 2000 Jahre Mainz, Verlag Dr. Hanns Krach, 1962
• Helmut Mathy: Tausend Jahre St. Stefan in Mainz: Ein Kapitel deutscher Reich- und Kirchengeschichte, Philipp von Zabern, 1990
• Ludwig Falk: Mainz im frühen und hohen Mittelalter: Mitte 5. Jahrhundert bis 1244, Walter Rau Verlag, 1972
• Franz Dumont, Ferdinand Scherf, Friedrich Schütz: Mainz: Die Geschichte der Stadt, Philipp von Zabern, 1998